(auszug)
do you like rococo?
no.
du schreibst mir bist du zuhause genau als ich abfliege.
ich denke diese balkone als fortsetzung des südens. irgendeines südens
als würde da, wo die sonne in diesem winkel einfällt
alles gleich wachsen
die körper die oliven die tumore
und alles gleich trocknen
die leintücher die augen die felder.
ich wache auf wie eine frau die die glastür ihres lokals putzt,
mit dem gestotter von tauben.
argiris erzählt mir von den schwierigen schulen, die
in denen die roma kinder waffen haben, aber keine farben.
er erzählt mir von molotowcocktails auf den klos und großdemos, die
des schülers der vor fünfzehn jahren von der polizei erschossen wurde,
ich komme genau da an, als der verkehr in der ganzen stadt lahmgelegt ist.
giacomo ist jetzt maurer. er wohnt in einem studio ohne strom.
mi dispiace per il faro sagt er und leuchtet mir ins gesicht.
erst später denke ich dass ich ihn ständig ansah ohne ihn jemals zu sehen.
dass die stirnlampe aus ihm einen leuchtturm machte der mir nur zeigte
wie weit ich vom ufer entfernt bin.
das atelier ist eine ehemalige bar, im keller stehen noch die illegalen spielautomaten
und der deckenventilator dreht sich nur, wenn der wind durch die kaputten fenster zieht
giacomo sagt, ein haus baut man, wie man es begeht.
ich sage, das ist das offensichtlichste, das ich jemals gehört habe.
er zuckt mit den schultern.
keine ihrer skulpturen ist fertig.
sie stehen mit offenen mündern und ohne arme wie ich mir heilige vorstelle.
der himmel sieht bedrückt richtung akropolis, man kann sie nur erahnen
wolken als hätte man
gipsabdrücke von der luft gemacht.
ich hätte vor stunden, vor wochen hier schon ankommen sollen.
draußen schummelt die landschaft einen sommer, ich denke
der abend ist überhaupt nichts was den tag zusammenfaltet ganz im gegenteil
als würde jemand seinen warmen dreckigen finger ein feld drücken
und es umwühlen.
in der ubahn starre ich auf diese winzig weiße plakette über den köpfen und versuche
mit der karte das alphabet zu lernen.
ein n ist hier ein e und ein e ist ein r und ein r gibt es als graphisches zeichen nicht.
ich spreche alles falsch aus und halte nirgends.
petralos petralos als wäre mein ort eigentlich einer den ich zwischen phonetik und schriftbild dauernd verpasse
ich muss zurückfahren.
im vorwort zum programm vom filmfestival thessaloniki steht
jedes schreiben ist ein adressieren
ich denke daran, was argiris mir am meer in italien erzählt hat
es war spätsommer und die körper der anderen beweise dafür
nur ich saß im handtuch wie in einem kokon
kann man auch einfach nicht schlüpfen
giacomo pokerte mit muscheln und argiris sagte
unser perfektes publikum sind die die wir lieben
ich streiche alles durch
sind ganz sicher nicht die die wir lieben
das papier reißt. worte die nie ankommen, sonne die mich trifft.
mandarinen hängen da und dort in bäumen, man kann sie nicht essen
und die katzen haben immer schnupfen. sie liegen wie nasse wäsche
auf und unter und um motorrädern im parkverbot.
im winter gibt es hier noch fliegen. ich zähle sie in der küche
während alle anderen arbeiten.
die bibliothek von argiris ist voll mit politischen büchern
am kühlschrank die karte, sie ist aus italien ich erkenne sie wieder
eine front aus frauen in schürzen, sie stellt sich polizisten in schusswesten.
ich mache jeden vormittag dasselbe, der sonne beim verstecken zusehen
die direkte demokratie.
jeder tag ist hier aufstand. bei drei euro stundenlohn hetzen alle
von einem job zum nächsten und manchmal geht ein mann in anzug über die straße.
ich wasche mir den angstschweiß ab.
das griechische wort für danke, ich merke es mir nie
es hat einen bruch gleich nach der ersten silbe.
von oben ist alles stadtstrand. das meer, als hätte es was zurücknehmen wollen
und nur diese winzigen häuser übrig gelassen
sammelt sich da ganz hinten in der kehle.
ein stottern aus muscheln müll und armut dazwischen
diese eckig geschwärzten dachterrassen
als hätten sie vom ewigen sonnenbrand eine mahnung bekommen.
ich stehe versehentlich auf das gefängnis von sokrates, hier sind alle orte so
fehltritte in die geschichte.
elstern picken um ein verlassenes observatorium. athen und seine sieben hügel
verwechsle
sehenswürdigkeiten wie nachnamen.
alle orte an denen ich jemals war behaupten
dass nichts an sie anschließt. als gäbe es kein davor und kein danach
giacomo sagt, die gegenwart ist so.
in einer der fichten? was hat der trockene süden für bäume, fichten?
verfängt sich ein drachen. es riecht stränden an denen man als kind mal war
in der ferne, die akropolis im baugerüst.
um sie herum diese winzigen punkte, egal wohin ich sehe
menschen wie störungen in der lichtquelle.
der intensive geruch von trockener erde und pinien, pinien!
und immer wieder säulenteile auf den weg geworfen wie kiesel.
riesen aloeveras diese offenen hände,
schrumplig. ich kann dich nicht überreden.
kann nur durch diese straßen gehen und was ich für richtig halte trotzdem lieben
antwortlos weiter reden und all diese unverhältnismäßigkeiten.
STOP YELLING LIKE A NEEDY CHILD schreit wer sein kind an.
die weihnachtsdekoration knirscht im wind lametta hängt
von wäscheleinen, bei achtzehngrad im schatten
ich vergesse wasser zu trinken.
an den kiosken schütteln sie den kopf. ich zeige auf den spitz
von der asphaltkurve die im wasser abbricht. ich will nichts tsunamigesichertes noch touristen sage ich.
sie sehen mich an.
entlang der mauer an der rückseite eines haubenlokals
die fritteuse der küche drückt durch die fenster warmen nebel
vermesse ich abstände.
mache wie messerwerfer, umrisse.
ich bin geworden wie du, suchen an allen orten ihr abseits.
denke, einsamkeit ist gar kein mangelzustand sondern überfülle.
was sie schwer macht ist freude, und nicht zu wissen wohin damit.
verliebe mich also in wände.
giacomo sagt, er sei von argiris aufgenommen worden wie ein verletzter
vogel. ich weiß nicht mehr, ob er tatsächlich vogel sagte.
und manchmal denke ich die einsamkeit so:
dieses offene fenster wo der wind mit dem vorhang spielt.
am morgen knipse ich die lichterkette des plastikbaums an.
auf die einzige postkarte die ich kaufe schreibe ich
und wenn ich einsam bin fahre ich motorrad
ich will dich nicht erwähnen, wer wärst du überhaupt?
bist du in indien berühmt geworden?
lebst du in einem loft zwischen koffern und ohne löffel?
heterotopien lerne ich, sind orte in orten, solche
die man sich als kind bei regen unter küchentischen einrichtet.
ich verpasse meinen flug. den dritten in diesem jahr.